ESVVEREINSCHRONIK
Bereits im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wird von der Gründung von Eisenbahnersportvereinen berichtet. Vornehmlich in den Eisenbahn-Ausbesserungswerken und in den großen Dienststellen schlossen sich gleichgesinnte Berufskollegen in Sport-, Turn- oder Spielvereinen zusammen, aus denen dann die ersten Eisenbahner-Sportvereine hervorgingen. Motive für diese Zusammenschlüsse waren einerseits die mit diesem Beruf verbundenen Freizeitprobleme und ein ausgesprochenes Zusammengehörigkeilsgefühl der Eisenbahner. Die fortschreitende Entwicklung des Eisenbahnersports ist dem opferbereiten Idealismus und dem gesunden Weitblick einer Anzahl von Eisenbahnern zu verdanken, die in dem Wunsch mündeten, einen Bund der bestehenden Eisenbahner-Sportvereine zu bilden. So wurde am 7. März 1926 in Frankfurt am Main der "Bund der deutschen Reichsbahn- Turn- und Sportvereine" gegründet.

Auch in Dessau waren von der Inbetriebnahme des Werkes bis in die heutige Zeit sportliche Betätigungen, insbesondere der jüngeren Eisenbahnerinnen und Eisenbahner, kennzeichnend für die Entwicklung des Werkes. Körperliche Ertüchtigung durch Leibesübungen war ein Ausgleich für harte körperliche Arbeit, für die Gesunderhaltung des Körpers und gleichzeitig eine sinnvolle und die Gemeinschaft fördernde Freizeitbeschäftigung.

Aus mündlichen Überlieferungen ist bekannt, dass in den ersten Jahren des Bestehens des Werkes ein Fußballfeld nördlich der Kantine für die sportliche Freizeitbetätigung der Beschäftigten existent war. Für die Erweiterung der Gleisanlagen des Werkes wurde diese Fläche benötigt, dafür wurde ein Gelände für einen Sportplatz im Dietrichshain in Dessau-Haideburg erworben. Vom Bau dieses Sportplatzes ist ein Pokal zur Sportplatzweihe mit der Aufschrift:

„1. Sieger Fußballturnier Platzweihe RTV Dessau 30.06.1937 gestiftet vom Eisenbahnerverein Haideburg"

erhalten geblieben. Auch aus alten Fotos ist zu entnehmen, dass es im Reichsbahnausbesserungswerk Dessau einen Reichsbahn- Turn- und Sportverein gegeben hat. Über die Anzahl der Mitglieder, die Sparten und deren Übungsleiter ist leider nichts mehr auffindbar.

Wenn auch nach der Zerstörung der Stadt Dessau und des Werkes die Sorgen und Nöte der Menschen nicht in erster Linie dem Wiederaufbau von Sportvereinen galten, haben trotzdem junge Menschen den Sport nicht aus den Augen gelassen. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges organisierten sich bereits im Oktober 1945 in Dessau-Süd in der SV Rasensport sportbegeisterte junge Menschen, die überwiegend Eisenbahner des Werkes Dessau waren. Die ehemalige Gaststätte Haideburg an der Stadtausfahrt Süd gelegen diente als Vereinslokal. Die Sportstätte war der RAW Sportplatz. Bereits im November 1945 vereinigte sich dieser Verein mit dem „Freien Turn- und Sportverein Dessau-Süd" unter dem Namen "Freie Deutsche Volkssportgemeinschaft Dessau-Süd"

Der sich später nur noch "Freie Volkssportgemeinschaft Dessau-Süd" nennende Verein betrieb Fußball, Handball Damen und Herren, Leichtathletik und Tischtennis, beteiligte sich an Wald- und Geländeläufen sowie an klassischen Leichtathletikwettkämpfen. Am 17.07.1947 wurde in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung die Umbenennung in "FDJ Volkssportgemeinschaft Dessau-Süd" beschlossen, weil inzwischen die Jugendorganisation Träger der Sportbewegung wurde. Nunmehr waren nur noch die Sparten Tischtennis, Handball und Fußball vertreten. Der Verein wechselte im Oktober 1948 erneut seinen Namen und nannte sich "Fortuna Dessau". Neben der FDJ wurde nun auch die Gewerkschaftsorganisation, der FDGB, zum Schirmherrn der Sportbewegung.

Gründung der Betriebssportgemeinschaft. Erst mit der generellen Bildung von Betriebssportgemeinschaften im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands im September 1949 war die Geburtsstunde eines Eisenbahner-Sportvereins wieder gekommen. Am 09.09.1949 fand in den Abendstunden in der Werkschule des damaligen Reichsbahnausbesserungswerkes Dessau in Anwesenheit von 50 Sportfreunden die Gründungsversammlung der neuen Betriebssportgemeinschaft mit dem Namen BSG Reichsbahn Dessau statt.

In der Teilnehmerliste finden wir viele Sportfreunde wieder, die über Jahrzehnte die Entwicklung unserer Sportgemeinschaft aktiv und mit Begeisterung mitgestaltet haben. Schon zum Gründungszeitpunkt wurde in sechs Abteilungen Sport getrieben, von denen Fußball, Tischtennis, Leichtathletik und Gymnastik noch heute bestehen, die Ballsportarten Handball und Faustball sich jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht beständig entwickeln konnten.

Im achtköpfigen Vorstand waren auch noch uns bekannte Namen, wie Franz Gielsok, Erich Sträube und Gustav Streuber tätig.

Mit der auf Antrag der Mitglieder am 25.07.1950 gewünschten Eingliederung in die Sportvereinigung Lokomotive entstand auch der über vier Jahrzehnte geführte Namen BSG Lokomotive Dessau.

Betrieblicher Freizeit- & Erholungssport (Breitensport). Bereits in den 50er Jahren waren die sportlichen Aktivitäten der Mitarbeiter des Werkes besonders in den Schönwettermonaten sehr beachtlich. Auf dem werkseigenen Sportplatz wurden Wettkämpfe zwischen den Abteilungen besonders im Fußball aber auch im Volleyball durchgeführt. In den folgenden Jahren entwickelte sich der Eisenbahnersport immer stärker. Eingebunden in den Kultur- und Bildungsplänen der Arbeitskollektive wurden sportliche Betätigungen in verschiedenen Sportarten, von denen Radfahren, Kegeln und Wandern den massensportlichen Charakter unterstützten.

Einen hohen Stellenwert besaßen die alljährlich durchgeführten Betriebsmeisterschaften in den Sportarten Fußball, Volleyball, Tischtennis, Luftgewehrschießen und Kegeln. Diese Meisterschaften wurden von der Betriebsgewerkschaftsorganisation vorbereitet und die Durchführung begleitet.

Der Höhepunkt jeden Jahres war das Sportfest zum Tag des Eisenbahners am Sonnabend vor dem zweiten Sonntag im Monat Juni. Hier wurden durch die BSG volkssportliche Wettkämpfe wie Medizinballstoßen, Schlagballweitwerfen, Bogenschießen, Pfeilwerfen oder Dreisprung durchgeführt. Begleitet wurden diese durch die Endspiele in der Betriebsmeisterschaft oder durch Sportvorführungen im Gerätturnen.

Wir freuen uns sehr, dass diese Tradition, wenn auch in einem anderen Rahmen, bis in die heutige Zeit durchgehalten werden konnte.

Mit der politischen Wende standen andere Themen im Mittelpunkt des betrieblichen Geschehens. Alle betrieblich organisierten sportlichen Betätigungen gehörten nun der Vergangenheit an.

Die betriebsgebundene Organisation der Sportvereine wurde kraft Gesetzes vom 21.02.1990 beendet und in die wirtschaftliche und juristische Selbständigkeit überführt. In einer außerordentlichen Delegiertenversammlung vom 13.06.1990 wurde der Antrag auf Registrierung als eingetragener Verein (e.V.) mit dem Namen Eisenbahnersportverein (ESV) Lokomotive Dessau e.V. gestellt. Ausdrücklich ist die Rechtsnachfolge der BSG Lokomotive Dessau in der Satzung festgeschrieben. Gleichzeitig ist der neue Name auch ein Bekenntnis zum Eisenbahnersport, der sich im Verband der Deutschen Eisenbahnersportvereine (VDES) organisiert.

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